Preisträger des Joseph-Breitbach-Preises 20111: Hans Joachim Schädlich
Begründung der Jury:
Hans Joachim Schädlich sucht die Deformation des Menschen durch repressive und manipulative Verhältnisse dort auf, wo sie unverfälscht ans Licht kommt: in beschädigter Sprache. Ein Proteus unter den Spracharbeitern, entwirft er Redemuster - Buch um Buch aufs Neue - die unwissentlich Wahrheit kundtun. Jeder seiner Prosatexte ist ein Kosmos kunstvoll falsch gesetzter Töne, Stachel im trägen Fleisch sprachlicher Übereinkünfte, und durchflackert von Ironien. Die große Kunst dieses Autors besteht darin, dass seine Texte nichts abbilden und nichts nachbilden, aber ihr völliges Erfundensein direkt von den Vitalkräften des Lebens gespeist zu sein scheint. Seit Erscheinen seiner ersten Texte 1977 ist er modern, den wechselnden literarischen Moden allein durch Selbsttreue und Liebe zur Wahrheit eine Reflexionslänge voraus. Seine Bücher, von ›Tallhover‹ (1986), einem aus Aktenvermerken zusammengesetzten Seelenbild des ewigen Spitzels, bis zu ›Kokoschkins Reise‹ (2010), einer minimalistischen Bilanz aller Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts, besitzen die Kraft und unmittelbar evidente Gültigkeit der Parabel. Hans Joachim Schädlich ist der große Erzähler unter den Nichterzählern: ein Lakoniker ohne die sonst unvermeidliche Mitgift des Sentimentalen, der aus Sprödheit musikalische Funken schlägt, mit höchster Künstlichkeit zu fiebernder Teilnahme nötigt, mit Sirenentönen zur Reflexion verlockt.




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